Umgang mit rechtlicher Komplexität in regulierten internationalen Organisationen
Internationale Unternehmen in regulierten Branchen erzeugen rechtliche Komplexität häufig schneller, als interne Rechtsabteilungen sie dauerhaft bewältigen können. Das Ziel besteht jedoch nicht darin, diese Komplexität vollständig zu beseitigen – das wäre weder realistisch noch sinnvoll. Entscheidend ist vielmehr die Schaffung von Strukturen, Prozessen und Governance-Modellen, die aus einer dauerhaften Reaktions- und Krisensituation ein beherrschbares System machen. Dieser Beitrag fasst praktische Erfahrungen aus der Arbeit in internationalen und regulierten Organisationen zusammen – insbesondere in den Bereichen Pharma, MedTech, Life Sciences sowie angrenzenden regulierten Industrien.
Was „Komplexität“ in der Praxis tatsächlich bedeutet
Der Begriff wird häufig verwendet – und ebenso häufig unscharf. In internationalen Unternehmen regulierter Branchen setzt sich rechtliche Komplexität typischerweise aus fünf konkreten Faktoren zusammen, die sich gegenseitig verstärken.
- Vervielfachung von Rechtsordnungen. Geschäftstätigkeiten über mehrere Jurisdiktionen hinweg bedeuten die gleichzeitige Anwendung unterschiedlicher Rechtsordnungen, arbeitsrechtlicher Rahmenbedingungen, Steuersysteme, regulatorischer Anforderungen und Geschäftspraktiken. Zusätzliche Komplexität entsteht, wenn Unternehmen gleichzeitig neue Märkte erschließen, Gesellschaften gründen und Governance-Strukturen über mehrere Länder hinweg aufbauen müssen.
- Regulatorische Überschneidungen. Branchenspezifische Regulierung steht selten isoliert neben dem allgemeinen Wirtschaftsrecht. Vielmehr bestehen zahlreiche Überschneidungen, die sich auf Vertragsgestaltung, Marketingaktivitäten, Vertriebsstrukturen, Datenflüsse oder Berichtspflichten auswirken.
- Professionalisierte Geschäftspartner. Verhandlungen finden häufig mit Unternehmen statt, deren Rechtsabteilungen größer, spezialisierter und personell stärker aufgestellt sind als die eigene Organisation. Gleichzeitig werden Vertragsentwürfe und Risikoverteilungen häufig von der jeweils stärkeren Verhandlungspartei vorgegeben.
- Hohe Stakeholder-Dichte innerhalb der Organisation. Vertrieb, Regulatory Affairs, Quality, Compliance, Finance, Tax und Human Resources verfügen jeweils über unterschiedliche Teile des Gesamtbildes. Gleichzeitig arbeiten diese Funktionen mit unterschiedlichen Zeithorizonten, Prioritäten und Risikobewertungen.
- Historisch gewachsene Strukturen. Gesellschafts- und Vertragsstrukturen entstehen häufig über viele Jahre hinweg durch Akquisitionen, Expansionen und organisatorische Veränderungen. Nicht selten passen diese Strukturen längst nicht mehr zur tatsächlichen Arbeitsweise des Unternehmens, lassen sich jedoch auch nicht kurzfristig neu gestalten.
Jeder dieser Faktoren für sich genommen ist beherrschbar. In Kombination bilden sie jedoch genau das Umfeld, in dem sich die Rechtsfunktion internationaler Unternehmen in regulierten Branchen tagtäglich bewegt.
Ein Operating Model entwickeln, das dauerhaft funktioniert
1. Zwischen rechtlicher Architektur und Legal Operations unterscheiden
Die rechtliche Architektur eines Unternehmens – also Gesellschaftsstruktur, Vertragslandschaft, Governance-Modell und wesentliche externe Beziehungen – sollte bewusst gestaltet, regelmäßig überprüft und nur mit Bedacht verändert werden. Legal Operations hingegen umfasst die tägliche Bearbeitung von Verträgen, Anfragen, Freigaben und rechtlichen Fragestellungen. Diese Prozesse sollten auf Effizienz ausgelegt sein: mit klaren Standards, definierten Entscheidungswegen und möglichst geringem Bedarf an senior-juristischen Einzelfallentscheidungen bei Routinethemen. Viele Rechtsabteilungen scheitern daran, diese beiden Ebenen voneinander zu trennen. Erfahrene Juristen werden in operative Einzelfälle und kurzfristige Problemlösungen eingebunden und finden kaum Zeit für strukturelle Themen. Umgekehrt werden Governance- oder Organisationsstrukturen mitunter von Personen entwickelt, die die operativen Abläufe, die sie später unterstützen sollen, nicht ausreichend kennen. Die bewusste Trennung von rechtlicher Architektur und Legal Operations – verbunden mit klaren Verantwortlichkeiten für beide Bereiche – gehört zu den wirksamsten organisatorischen Maßnahmen, um rechtliche Komplexität dauerhaft beherrschbar zu machen.
2. Routinethemen standardisieren – Expertise dort einsetzen, wo sie Mehrwert schafft
Die meisten rechtlichen Fragestellungen in internationalen Unternehmen regulierter Branchen sind nicht neu. Irgendwo in der Organisation wurde eine vergleichbare Frage bereits beantwortet. Das eigentliche Problem besteht häufig nicht darin, dass die Antwort fehlt, sondern darin, dass sie nicht auffindbar oder nicht systematisch nutzbar ist. Eine leistungsfähige Rechtsfunktion erfasst wiederkehrende Fragestellungen und überführt sie in skalierbare Strukturen – etwa in Form von Playbooks, Entscheidungsbäumen, Musterdokumenten, Wissensdatenbanken oder FAQ-Sammlungen. Routinethemen können dadurch weitgehend standardisiert bearbeitet werden, teilweise sogar durch Fachbereiche selbst oder mit Unterstützung von Legal Operations und anderen juristischen Ressourcen. Die dadurch frei werdenden Kapazitäten erfahrener Juristen können auf diejenigen Themen konzentriert werden, bei denen rechtliches Urteilsvermögen tatsächlich einen Unterschied macht: neue Geschäftsvorhaben, strategische Entscheidungen, komplexe Verhandlungen oder außergewöhnliche Risikosituationen. Unternehmen, die diese beiden Kategorien nicht voneinander trennen, laufen Gefahr, ihre wertvollsten juristischen Ressourcen mit Routinefragen zu binden. Nicht selten verbringen erfahrene Unternehmensjuristen einen erheblichen Teil ihrer Zeit mit Fragestellungen, die durch ein gut konzipiertes Playbook innerhalb weniger Minuten beantwortet werden könnten.
3. Externe Berater als Instrumente behandeln, nicht als Beziehungen
Die Zusammenarbeit mit externen Kanzleien wird häufig stärker von gewachsenen Beziehungen als von einer bewussten Auswahl nach fachlicher Eignung geprägt. Sinnvoller ist es, externe Berater als Portfolio spezialisierter Ressourcen zu betrachten, die gezielt ausgewählt, eingesetzt und gesteuert werden.
Dies ist keineswegs als Kritik an langfristigen Kanzleibeziehungen zu verstehen. Die besten Beziehungen zu externen Beratern sind oft über viele Jahre gewachsen, professionell und von gegenseitigem Vertrauen geprägt. Gleichzeitig sollte die Rechtsfunktion in der Lage sein, für unterschiedliche Fragestellungen auf unterschiedliche Spezialisten zurückzugreifen. Die Aufgabe der internen Rechtsfunktion besteht darin, die jeweils passende Kanzlei auszuwählen, Leistungsumfang und Budget aktiv zu steuern und das dabei entstehende Wissen dauerhaft im Unternehmen zu verankern. Wird dagegen eine einzelne Kanzlei zur Standardlösung für nahezu sämtliche Fragestellungen, entsteht häufig das gegenteilige Ergebnis: Auch Themen, die eigentlich besondere Spezialkenntnisse erfordern würden, werden von Praxisgruppen bearbeitet, die hierfür nicht optimal aufgestellt sind. Dies führt nicht nur zu höheren Kosten, sondern häufig auch zu weniger effizienten und weniger passgenauen Ergebnissen.
4. Regelmäßige Stakeholder-Strukturen schaffen statt permanente Eskalationen zu managen
In komplexen Organisationen arbeiten Rechtsabteilungen häufig im Reaktionsmodus. Fragen werden beantwortet, sobald sie auftauchen. Meetings werden wahrgenommen, wenn Einladungen eingehen. Eskalationen erfolgen erst dann, wenn Probleme bereits entstanden sind. Nachhaltiger ist ein Ansatz, der auf regelmäßigen und planbaren Austauschformaten mit den wichtigsten Stakeholdern basiert. Beispielsweise durch monatliche Abstimmungen mit dem Vertrieb oder der Geschäftsleitung, feste Termine in Qualitäts- oder Compliance-Gremien, regelmäßige Gespräche mit Regulatory Affairs oder Governance-Reviews mit dem Management. Solche festen Austauschformate verlagern Themen aus dem Krisenmodus in einen strukturierten und planbaren Prozess. Die Rechtsfunktion wird dadurch nicht erst dann eingebunden, wenn Probleme bereits entstanden sind, sondern nimmt aktiv an der Planung und Steuerung des Unternehmens teil. Der dafür erforderliche Zeitaufwand wird in der Regel mehrfach durch geringeren Abstimmungsaufwand, weniger Eskalationen und deutlich weniger operative „Feuerwehreinsätze“ kompensiert.
5. Für die Nachfolger dokumentieren – nicht für sich selbst
In internationalen und regulierten Organisationen befindet sich ein erheblicher Teil des wertvollsten Unternehmenswissens häufig in den Köpfen einiger weniger erfahrener Mitarbeiter. Verlassen diese Personen das Unternehmen – was früher oder später unvermeidlich ist – gehen oft Jahre an Wissen, Kontext und Entscheidungslogik innerhalb kürzester Zeit verloren. Eine professionelle Rechtsfunktion wirkt diesem Risiko aktiv entgegen. Dokumentiert wird nicht nur, welche Entscheidung getroffen wurde, sondern auch warum sie getroffen wurde. Dazu gehören beispielsweise Entscheidungsvorlagen, Governance-Dokumentationen, die Hintergründe ungewöhnlicher Vertragsregelungen oder die Überlegungen, die zu einer bestimmten regulatorischen Position geführt haben. Der Maßstab für gute Dokumentation ist dabei einfach: Sie sollte für die Person verständlich sein, die den Vorgang in drei Jahren übernimmt und sich ohne Vorkenntnisse einarbeiten muss – nicht für den Juristen, der die Entscheidung selbst getroffen hat und die Hintergründe ohnehin kennt.
Stakeholder Alignment – die oft unterschätzte Hälfte der Aufgabe
Die öffentliche Wahrnehmung der Arbeit von Unternehmensjuristen konzentriert sich häufig auf die juristische Facharbeit selbst: Vertragsverhandlungen, regulatorische Fragestellungen, rechtliche Bewertungen oder die Steuerung von Rechtsstreitigkeiten. In der Praxis verbringt ein Senior Legal Counsel oder General Counsel in einer komplexen internationalen Organisation jedoch einen erheblichen Teil seiner Zeit mit etwas anderem: der Abstimmung und dem Ausgleich unterschiedlicher Interessen innerhalb des Unternehmens. Dazu gehört beispielsweise die Vermittlung zwischen Regulatory Affairs und kommerziellen Funktionen, die Abstimmung steuerlicher Strukturierungsüberlegungen mit operativen Anforderungen, die Koordination zwischen lokalen Gesellschaften und Konzernzentralen oder die Steuerung der Schnittstellen zwischen Fachbereichen und deren bevorzugten externen Beratern. Diese Aufgaben sind keine Ablenkung von der eigentlichen juristischen Arbeit. In komplexen internationalen Organisationen sind sie ein wesentlicher Bestandteil davon. Die rechtliche Qualität einer Position ist wichtig. Ebenso wichtig ist jedoch die Fähigkeit, diese Position so zu vermitteln und zu verankern, dass die beteiligten Personen sie verstehen, akzeptieren und in ihrem Verantwortungsbereich umsetzen können. Juristen, die in internationalen und regulierten Unternehmen auf Senior-Ebene erfolgreich sind, betrachten Stakeholder Alignment deshalb nicht als unvermeidbare Begleiterscheinung ihrer Tätigkeit. Sie verstehen es als eigenständige Kompetenz, die ebenso bewusst entwickelt werden muss wie juristische Fachkenntnisse.
Der Umgang mit Aufsichts- und Regulierungsbehörden
In den Bereichen Pharma, MedTech, Life Sciences und anderen regulierten Industrien ist die Beziehung zu Aufsichts- und Regulierungsbehörden kein Ausnahmefall, sondern ein dauerhafter Bestandteil des geschäftlichen und rechtlichen Umfelds. Entsprechend sollte diese Schnittstelle mit derselben Aufmerksamkeit und Professionalität gestaltet werden wie wichtige Geschäftsbeziehungen zu Kunden, Vertriebspartnern oder anderen strategischen Stakeholdern. Aus meiner Erfahrung haben sich dabei einige Grundsätze über unterschiedliche Rechtsordnungen, Behörden und regulatorische Systeme hinweg als besonders belastbar erwiesen:
- Regulatorische Beziehungen kontinuierlich pflegen. Der Austausch mit Behörden sollte nicht erst beginnen, wenn eine Inspektion, Untersuchung oder kritische Fragestellung bevorsteht. Nachhaltige und vertrauensvolle Beziehungen entstehen in Phasen, in denen keine unmittelbaren Konflikte oder Herausforderungen bestehen. Das Vertrauen, das in diesen Zeiten aufgebaut wird, bildet häufig die Grundlage für einen konstruktiven Umgang mit schwierigen Situationen zu einem späteren Zeitpunkt.
- Die Perspektive der Behörde verstehen. Kommunikation mit Behörden ist besonders wirksam, wenn sie die Ziele und den gesetzlichen Auftrag der jeweiligen Behörde berücksichtigt. Argumentationen, die erläutern, wie eine vorgeschlagene Lösung die regulatorischen Ziele unterstützt oder berücksichtigt, sind regelmäßig überzeugender als solche, die ausschließlich aus der Perspektive unternehmerischer Interessen formuliert werden.
- Offen mit Unsicherheiten umgehen. Behörden reagieren in der Regel sensibel auf übertriebene Sicherheit oder vorschnelle Aussagen. Deutlich zielführender ist ein transparenter Umgang mit Unsicherheiten. Es sollte klar erkennbar sein, welche Fakten gesichert sind, welche Schlussfolgerungen auf nachvollziehbaren Annahmen beruhen und welche Punkte noch offen oder unklar sind. Transparenz schafft Vertrauen und erhöht die Glaubwürdigkeit der Organisation.
- Die Kommunikation dokumentieren. Wesentliche Interaktionen mit Behörden sollten zeitnah und nachvollziehbar dokumentiert werden. Eine sorgfältige Dokumentation schafft institutionelles Wissen und stellt sicher, dass wichtige Hintergründe auch bei Personalwechseln innerhalb des Unternehmens oder auf Behördenseite erhalten bleiben. Langfristig entsteht so eine belastbare Historie der regulatorischen Beziehungen, auf die in späteren Situationen zurückgegriffen werden kann.
Abschließende Beobachtung
Erfolgreiche juristische Führung in internationalen Unternehmen regulierter Branchen beruht nicht in erster Linie darauf, mehr Recht zu kennen als alle anderen. Entscheidend ist die Fähigkeit, Strukturen und Prozesse zu schaffen, die die Komplexität des Umfelds beherrschbar machen. Strukturen, die konsistente Entscheidungen über verschiedene Rechtsordnungen, Funktionen und Stakeholder hinweg ermöglichen. Strukturen, die auch dann funktionieren, wenn unerwartete Herausforderungen auftreten. Juristische Fachkompetenz ist die Voraussetzung. Sie bildet die Grundlage jeder glaubwürdigen Rechtsfunktion. Der Unterschied zwischen einer Rechtsfunktion, die dauerhaft wirksam ist, und einer, die ständig unter Druck gerät, liegt jedoch meist an anderer Stelle: in der Fähigkeit, Komplexität systematisch zu steuern, Entscheidungen zu organisieren und rechtliche Themen in belastbare organisatorische Abläufe zu übersetzen. Mit anderen Worten: Juristische Expertise ist der Eintrittspreis. Die eigentliche Differenzierung entsteht durch die Fähigkeit, eine Rechtsfunktion so zu gestalten und zu führen, dass sie auch in komplexen internationalen und regulierten Umfeldern dauerhaft funktioniert.
Über die passende Unterstützung für Ihr Unternehmen sprechen
Wenn Ihr Unternehmen vor Wachstum, Transformation, regulatorischen Herausforderungen oder organisatorischen Veränderungen steht, kann ein erstes Gespräch helfen zu beurteilen, welche Form der rechtlichen Unterstützung den größten Mehrwert bietet.
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