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Fractional GC · Perspektive

Was ein Fractional General Counsel wirklich macht – und wann er sinnvoll ist.

Der Begriff „Fractional GC“ hat in den vergangenen Jahren deutlich an Popularität gewonnen. Gleichzeitig wird das Modell häufig missverstanden – sowohl von Anbietern, die klassische anwaltliche Arbeit unter einem neuen Etikett vermarkten, als auch von Unternehmen, die einen Fractional GC beauftragen, ohne genau zu verstehen, welche Leistung sie tatsächlich einkaufen. Dieser Beitrag erläutert, was die Rolle tatsächlich umfasst, in welchen Situationen sie besonderen Mehrwert schafft und wann sie nicht die richtige Lösung ist.

Die einfache Definition

Ein Fractional GC ist ein erfahrener Inhouse-Jurist, der einem Unternehmen für einen festgelegten Zeitraum, ein konkretes Projekt oder einen wiederkehrenden Bedarf auf flexibler Basis zur Verfügung steht.

Dabei handelt es sich nicht um eine klassische Kanzleibeziehung unter anderer Bezeichnung. Ebenso wenig ist ein Fractional General Counsel ein externer Berater, der einzelne Aufgaben auf Stundenbasis abarbeitet.

Die Rolle ist deutlich näher am Unternehmen angesiedelt: eingebunden in Entscheidungsprozesse, verantwortlich für Ergebnisse statt abrechenbarer Stunden und strukturell darauf ausgerichtet, die Interessen des Unternehmens in den Mittelpunkt zu stellen.

Die naheliegendste Analogie ist die Rolle des Fractional CFO, die sich bereits vor Jahren insbesondere in wachstumsorientierten Unternehmen etabliert hat.

Ein Fractional CFO übernimmt keine Buchhaltungsaufgaben. Vielmehr stellt er erfahrene Finanzexpertise auf Führungsebene zur Verfügung – allerdings ohne die Kosten und den Umfang einer Vollzeitposition. Ein Fractional GC folgt demselben Grundprinzip.

Was die Rolle typischerweise umfasst

Die Tätigkeit lässt sich grundsätzlich in vier zentrale Aufgabenbereiche unterteilen. Deren Gewichtung kann je nach Unternehmensgröße, Entwicklungsphase und Branche erheblich variieren.

1. Strategische rechtliche Beratung

Mitwirkung an Management- und Unternehmensentscheidungen, bei denen rechtliche Erwägungen Teil der Gesamtbewertung sind. Bewertung rechtlicher Risiken und struktureller Handlungsoptionen im Hinblick auf die geschäftlichen Ziele des Unternehmens. Abstimmung von Risikobereitschaft und Risikosteuerung mit Geschäftsführung und Management. Übersetzung rechtlicher Komplexität in belastbare geschäftliche Entscheidungsgrundlagen – und umgekehrt.

Dies ist zugleich der Aufgabenbereich, der von außen am wenigsten sichtbar und innerhalb des Unternehmens oft am wertvollsten ist. Gleichzeitig handelt es sich um eine Tätigkeit, die externe Kanzleien nur eingeschränkt übernehmen können, da ihnen häufig der notwendige Kontext, die kontinuierliche Einbindung und die unmittelbare Teilnahme an internen Entscheidungsprozessen fehlen.

2. Kommerzielle Vertragsgestaltung und Umgang mit Vertragspartnern

Prüfung, Gestaltung und Weiterentwicklung der vertraglichen Grundlagen des Unternehmens. Direkte Verhandlungen mit Geschäftspartnern bei wesentlichen Verträgen und Transaktionen. Aufbau und Pflege von Vertragsstandards, Musterverträgen und Freigabeprozessen, die effiziente Geschäftsabläufe ermöglichen, ohne unnötige rechtliche Risiken zu schaffen.

In den meisten Fractional-GC-Mandaten bearbeitet der General Counsel nicht jeden einzelnen Vertrag selbst. Seine Aufgabe besteht vielmehr darin, die notwendigen Strukturen, Prozesse und Standards zu etablieren sowie die rechtlich oder wirtschaftlich wesentlichen Themen zu begleiten. Operative Vertragsarbeit erfolgt häufig durch Fachbereiche, interne Ressourcen oder externe Berater unter entsprechender rechtlicher Steuerung.

3. Governance, Compliance und Risikokoordination

Verantwortung für die Governance-Strukturen des Unternehmens auf strategischer Ebene. Koordination von Compliance-Themen wie Datenschutz, Korruptionsprävention, regulatorischen Anforderungen oder internen Untersuchungen. Zusammenarbeit mit Geschäftsführung, Aufsichts- und Kontrollgremien sowie sonstigen relevanten Organen. Steuerung der Beziehungen zu Wirtschaftsprüfern, Aufsichtsbehörden und externen Compliance-Beratern.

In regulierten Branchen stellt dieser Bereich häufig einen wesentlichen Schwerpunkt der Tätigkeit dar. In weniger regulierten Geschäftsumfeldern fällt sein Umfang zwar geringer aus, seine Bedeutung verschwindet jedoch nie vollständig.

4. Steuerung externer Berater

Auswahl, Beauftragung und Steuerung externer Kanzleien sowie Kontrolle der damit verbundenen Budgets, wenn spezialisierte Unterstützung erforderlich ist. Dieser Aufgabenbereich wird häufig unterschätzt, gehört jedoch zu den Bereichen mit dem größten Mehrwert. Ein erfahrener General Counsel weiß, wann externe Spezialisten erforderlich sind, welche Kanzlei für eine bestimmte Fragestellung geeignet ist und welche Fragen gestellt werden müssen. Dadurch lassen sich Qualität, Effizienz und Kosten externer Rechtsberatung erheblich besser steuern als in Unternehmen, die externe Berater lediglich situativ und ohne zentrale Koordination einsetzen.

Wann das Modell sinnvoll ist

Das Modell des Fractional General Counsel ist keine Universallösung. In bestimmten Konstellationen kann es jedoch einen erheblichen Mehrwert bieten. Besonders bewährt hat es sich in drei Situationen.

Internationale Unternehmen in Wachstumsphasen

Unternehmen, die die frühe Gründungsphase hinter sich gelassen haben, jedoch noch nicht groß genug sind, um eine Vollzeitposition als General Counsel wirtschaftlich zu rechtfertigen. Häufig befinden sich diese Unternehmen in einer Entwicklungsphase zwischen den ersten Wachstumsschritten und dem Zeitpunkt, an dem ein vollständiges Legal-Team sinnvoll wird. Gleichzeitig sehen sie sich zunehmend komplexen Vertragsbeziehungen, grenzüberschreitenden Geschäftsaktivitäten, steigenden Governance-Anforderungen und professioneller agierenden Geschäftspartnern gegenüber. Sie benötigen erfahrene rechtliche Unterstützung auf Senior-Niveau, ohne bereits die Kosten einer vollständigen General-Counsel-Funktion einschließlich Team tragen zu können. Oft bewältigen diese Unternehmen gleichzeitig internationale Expansionen, Gesellschaftsgründungen, den Aufbau von Governance-Strukturen sowie zunehmende regulatorische Anforderungen in mehreren Rechtsordnungen.

Private-Equity-Portfoliogesellschaften

Private-Equity-geführte Unternehmen profitieren während der Haltedauer häufig von flexibler rechtlicher Unterstützung auf Senior-Niveau – insbesondere bei Transformationen, organisatorischen Neuausrichtungen oder Carve-outs.

Investoren benötigen die Sicherheit, dass auf Ebene der Portfoliogesellschaft angemessene rechtliche Expertise vorhanden ist, ohne für jede Beteiligung dauerhaft eine General-Counsel-Position finanzieren zu müssen. Die Möglichkeit, den Unterstützungsumfang je nach Phase des Investments flexibel anzupassen, entspricht dabei den Anforderungen vieler Private-Equity-Strukturen.

Transformationen, Interim- und Übergangssituationen

Unternehmen zwischen zwei General-Counsel-Besetzungen, in Carve-out- oder Integrationsprojekten, während regulatorischer Untersuchungen oder bei zeitlich begrenzten Transformationsprogrammen benötigen häufig erfahrene rechtliche Unterstützung für einen definierten Zeitraum. Ein Fractional oder Interim General Counsel kann diese Kapazitäten bereitstellen, ohne die Kosten, den Zeitaufwand und die organisatorischen Herausforderungen einer dauerhaften Einstellung und späteren Trennung zu verursachen.

Wann das Modell nicht sinnvoll ist

Das Das Modell des Fractional GC ist kein Instrument, um klassische anwaltliche Einzelfallberatung zu niedrigeren Stundensätzen einzukaufen. Unternehmen, die es auf diese Weise verstehen, werden ebenso enttäuscht sein wie die von ihnen beauftragten Berater.

Das Modell stößt insbesondere dann an seine Grenzen, wenn der tatsächliche Bedarf in eine andere Richtung geht.

Benötigt ein Unternehmen Spezialwissen für eine einzelne Transaktion – beispielsweise einen Unternehmenskauf, eine größere Finanzierung oder einen komplexen Patentstreit –, ist regelmäßig ein entsprechend spezialisierter externer Berater die richtige Wahl und nicht ein General Counsel.

Ebenso ist ein Fractional General Counsel keine geeignete Lösung, wenn ein Unternehmen eine dauerhaft verfügbare rechtliche Erstunterstützung für ein großes operatives Legal-Team benötigt. In solchen Fällen ist eine Vollzeitposition als General Counsel mit den entsprechenden personellen Ressourcen meist die sinnvollere Lösung.

Das Modell funktioniert zudem nur dann, wenn die Unternehmensleitung bereit ist, den General Counsel in die relevanten Entscheidungsprozesse einzubinden.

Ein Fractional GC, der lediglich punktuell konsultiert wird und keinen ausreichenden Einblick in die geschäftlichen Zusammenhänge erhält, wird sein Potenzial unabhängig von Erfahrung oder Seniorität nicht entfalten können.

Der Kern des Modells besteht darin, erfahrenes rechtliches Urteilsvermögen in die Organisation zu integrieren. Wird diese Einbindung nicht gewünscht oder ermöglicht, geht ein wesentlicher Teil des Mehrwerts verloren.

Wie Fractional-GC-Mandate typischerweise ausgestaltet werden

In der Praxis haben sich drei Grundmodelle etabliert.

Jedes dieser Modelle hat seine eigene wirtschaftliche Logik und seine eigenen Risiken. Welche Struktur die richtige ist, ergibt sich aus dem konkreten Bedarf – nicht aus einer abstrakten Präferenz für ein bestimmtes Modell.

Vertraulichkeit und Interessenkonflikte

Ein professionell tätiger Fractional General Counsel unterliegt denselben hohen Anforderungen an Vertraulichkeit und den Umgang mit Interessenkonflikten wie jeder erfahrene Unternehmensjurist.

Mandate werden innerhalb eines definierten Wettbewerbsumfelds exklusiv übernommen. Vertrauliche Informationen und sensible Themen werden konsequent voneinander getrennt. Die Loyalität des General Counsel gilt stets dem jeweiligen Unternehmen und nicht einem parallelen Mandantenkreis mit vergleichbaren Interessen.

Unternehmen, die ein Fractional-GC-Modell in Betracht ziehen, sollten diese Fragen frühzeitig und ausdrücklich ansprechen. Anbieter sollten in der Lage sein, ihre Vorgehensweise hierzu klar und transparent darzulegen.

Die passende Form rechtlicher Unterstützung finden

Nicht jede Situation erfordert eine Vollzeitposition. Nicht jede Herausforderung rechtfertigt den Aufbau zusätzlicher interner Ressourcen. Ein erstes Gespräch kann helfen zu beurteilen, welche Form der rechtlichen Unterstützung für Ihr Unternehmen den größten Mehrwert bietet – sei es als Fractional General Counsel, im Interim Management oder im Rahmen eines konkreten Projekts.

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